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Tigist Gezahagns außergewöhnlicher Weg zum Marathon-Triumph in Wien

Die sehbehinderte Läuferin gewann zwei Paralympics-Goldmedaillen über 1500m und sorgt jetzt im Marathon für Furore

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Tigist Gezahagns Erfolge beispiellos sind: In Wien wurde die 26-Jährige wohl die erste Paralympics-Siegerin, die eines der bedeutenden, traditionellen City-Marathonrennen gewann. Nach Siegen in Ljubljana im Oktober und Doha im Januar triumphierte sie nun beim Vienna City Marathon. Die Äthiopierin, die sehbehindert ist und bei den Paralympics 2021 und 2024 die Goldmedaillen über 1.500 m gewann, entschied nicht nur Österreichs prestigeträchtigstes Straßenrennen für sich sondern brach auch den Streckenrekord um fast eine Minute. Trainiert von Getamesay Molla in Addis Abeba und gemanagt vom Schweizer Marathon-Rekordhalter Tadesse Abraham, verbesserte Tigist Gezahagn die Bestzeit von 2:20:59 auf 2:20:06, was zugleich ein persönlicher Rekord ist.

Wegen Sehbehinderung Schule abgebrochen

In ihrer Familie gab es keinen Laufsport-Hintergrund, ihre Eltern wollten zunächst nicht, dass sie eine Karriere als Eliteläuferin versucht, sie ist aufgewachsen in einer Umgebung, die von Landwirtschaft geprägt ist und aufgrund ihrer Sehbehinderung musste sie die Schulausbildung abbrechen - trotzt aller Widrigkeiten setzte sich Tigist Gezahagn durch und wurde zu einer internationalen Top-Läuferin.

Als Kind wurde die Sehkraft immer schlechter

Tigist Gezahagn war zwischen drei und vier Jahre alt, als sie nach und nach ihr Augenlicht verlor. „Nach einer Weile wurde es schlimmer und ich konnte kaum noch etwas sehen. Ich ließ mich dann medizinisch behandeln und wurde 2013 operiert. Danach wurde es besser und ich konnte wieder laufen. Doch ein paar Jahre später verschlechterte sich mein Sehvermögen erneut und ich konnte nicht mehr trainieren. Nach einer Behandlung verbesserte sich mein linkes Auge, auf dem ich zuvor fast blind war. Aber auch heute ist es noch nicht stabil“, erzählte Tigist Gezahagn, die nur erkennen kann, was sich unmittelbar vor ihr befindet.

Hoffen auf medizinische Behandlung

„Wir wollen ihr helfen und werden versuchen, Unterstützung zu finden, damit sie hoffentlich eine bessere medizinische Behandlung in Europa bekommen kann“, sagte Tadesse Abraham. Der Manager war beeindruckt davon, wie sich Tigist Gezahagn, die den größten Teil des Rennens hinter einem Tempomacher lief, durch die Straßen von Wien zum Sieg manövrierte. „Ich bekam einen großen Schreck als die Läuferin hinter ihr sie kurz vor der 30-km-Marke am Schuh touchierte. Ich war extrem erleichtert, dass sie nicht gestürzt ist. Außerdem galt es natürlich, die Straßenbahnschienen zu vermeiden“, sagte Tadesse Abraham, der selbst zweimal den Vienna City Marathon gelaufen ist. 2019 wurde er in der österreichischen Hauptstadt mit 2:07:24 Zweiter. Vor zwei Jahren gewann ein anderer seiner Athleten, der Äthiopier Chala Regasa, bereits das Männerrennen in Wien.

Erste äthiopische Paralympics-Siegerin

Tigist Gezahagn wuchs in der Ortschaft Ilani Kersa in der Region Amhara in Äthiopien auf. Ihre Eltern sind Bauern, sie ist das zweitälteste von acht Kindern und die einzige, die eine Laufkarriere verfolgt. „Ich habe in der Schule mit dem Laufen angefangen und bin bei regionalen Wettkämpfen gestartet“, erzählte Tigist Gezahagn. Aufgrund ihrer Sehschwäche musste sie die Schule nach acht Jahren vorzeitig aufgeben. „Ich konnte damals kaum etwas sehen.“ Doch sie lief weiter. Und als man ihr sagte, sie solle sich im paralympischen Sport versuchen, motivierte sie das. Sie hatte das Glück, einen Trainer zu haben, der sie vier Jahre lang betreute. Unter seiner Regie qualifizierte sie sich für die Paralympics 2021 in Tokio. In Japan gewann sie dann die erste äthiopische Goldmedaille überhaupt in der Paralympics-Geschichte.

„Ursprünglich waren meine Eltern nicht dafür, dass ich eine Laufkarriere beginne. Sie befürchteten, ich könnte beim Training im Wald schwer stürzen. Aber nach der ersten Goldmedaille bei den Paralympics haben sie meinen Weg akzeptiert“, sagte Tigist Gezahagn, die nach den Paralympics in Tokio nach Addis Abeba zog, um dort zu trainieren. Dort lebt sie mit ihrem Freund.

Möchte noch schneller laufen

Nachdem Tigist Gezahagn 2024 ihre zweite Goldmedaille über 1.500 m gewonnen hatte, verließ sie den paralympischen Sport und schloss sich der Trainingsgruppe von Getamesay Molla an. „Ich möchte ein normales Leben führen“, sagte die neue Wiener Streckenrekordhalterin, die beim Training von den anderen Athletinnen in der Gruppe und den Tempomachern unterstützt wird. Zu ihren Trainingspartnerinnen gehört Anyalem Desta, die den Amsterdam-Marathon im vergangenen Jahr in 2:17:37 gewann. „Ich hätte nicht erwartet, nach dem Wechsel vom paralympischen Sport so erfolgreich zu sein. Durch das Training mit nicht-behinderten Läuferinnen konnte ich eine bessere Form aufbauen“, sagte Tigist Gezahagn. „Ich möchte bei meinem nächsten Marathon noch schneller laufen.“

„Ich glaube, Tigist kann eine Zeit um 2:17 Stunden laufen“, sagte Tadesse Abraham. „Die Herausforderung besteht nun darin, das richtige Rennen zu finden, das ihren Bedürfnissen entspricht. Wien war wirklich perfekt, weil die Organisatoren sich so gut um sie gekümmert haben.“

VCM News / Jörg Wenig